Ich stehe im Regen und blicke die Haeuserfont hinauf. Irgendwo dort oben hinter all den beleuchteten Fenstern ist mein Zuhause.
Aber ich sehe gerade nur Fenster, an denen das Wasser ebenso abperlt wie an meiner Wange. Regen. Warum regnte es eigentlich immer in solchen Situationen? Das Drehbuch meines Lebens schreibt oft seltsame Szenen...
Dort hinter der regennassen Scheibe bewegt sich etwas im Licht meiner Schreibtischlampe. Es waere so einfach, die Tuer aufzuschliesen. Den Regen abzuschuetteln und wieder in dieses Leben zurueckzuschuepfen. In die bequeme, heimelige Welt nach der es hier unten, im nassen dunklen Regen gerade aussieht.
Doch ich weiss, wie es morgen frueh in den ersten Sonnenstrahlen aussehen wird. Der heimelige Glanz weicht dem Grau. Dem Schwarz der Nacht folgt die unreine weisse Weste.
Wut.
Ausraster.
Alkohol.
Schreie.
All das hat Flecken hinterlassen. Nicht nur auf der Weste des Zusammenlebens. Auch auf meiner Seele.
Und so fluechte ich. Allabendlich.In die Witterungen der beginnenden Nacht. Hinauf. Hinauf. Hinauf. Hinauf auf meinen Berg. Positionswechsel. Ein anderer Blick auf die Stadt und auf die Situation, in der ich mich gerade befinde.
Dort sitze ich. Auf einer Bank. Die Stadt zu meinen Fuessen. Und immer nur dieses eine Lied im Ohr. Wieder und wieder und wieder. Dauerschleifender wiederkehrender Worte begleitet von Rhythmus. Worte, die in meinem Kopf Mantra vorgeben.
So auch heute. Im Regen. Hier. Jetzt.
Man kann sich an einen gewissen Grad innerer Traurigkeit gewoehnen. Das habe ich. Aber Traurigkeit ist kein leidenschaftlicher Lebensbegleiter. Traurigkeit laehmt. Bleiern. Wie ein Klotz am Bein. Und so fuehlt es sich an. Diese Fluchten in die Nacht. Dieses Leben hinter den Scheiben.
Ich atme ein. Ich hoere das Lied in meinem Kopf. Ich sehe hinauf. Ich brueste mich fuer einen letzten Kampf.
Und so klingel ich an meiner eigenen Haustuer. Warte. Hoere das Mantra, waehrend ich am Auti lehne. Zusehe, wie es beladen wird. Wiederhole das Mantra. Rhythmisch. Immer wieder. Als ich in das Auto einsteige. Als ich den Motor anlasse. Fuehle die Toene in mir, wie sie an mir kleben wie meine regennasse Jeans.
Kaempfe!
Entfliehe der Trauer!
Entfliehe deiner eigenen Seele.
Und waehrend ich mich innerlich wappne unterstuetzt vom rhythmischen Geraeusch der Scheibenwischer spreche ich die magischen drei Worte.
Es.
Ist.
Aus.
In diesem Moment hoert das stakkatoartige Mantra in meinem Kopf auf. Es ist ruhig. Endlich! Die Verbindung ist getrennt. Und auf dem Sitz neben mir sitzt nur noch jemand, den ich mal gekannt habe. Ein Fremder. Das, was er eigentlich immer gewesen ist. Fuer mich. Fuer meine Seele. Und eine schmerzende Wunde beginnt sich langsam zu schliessen.
Bis sie verheilen kann wird es noch viele unschoene Monate dauern. Monate mit Achterbahnen voller Mitleid uns Hass. Mit gestohlener Post, naechtlichen Anrufen, betrunkenen Drohungen, Randale in meinem Hausflur, Angst vor durchgeschnittenen Bremskabeln, Aenderung meiner Identitaet, Panik vor Verfolgungen.
Immer wieder werde ich das Lied hoeren. Mutspender in schlimmen Sitautionen. Kraftgeber in langen Naechten. Schlafgefluester in den schwaerzesten Momenten der Nacht. Mantra meines Kopfes. Mantra meines Herzens. Nur eine Person, die ich einmal gekannt habe.
Heute, fast zehn Jahre danach, hat all das eine Narbe hinterlassen, die nur noch manchmal schmerzt. Das Lied von damals, das Mantra, habe ich nie wieder gehoert.
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